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Was ist das Ertragswertverfahren?

Das Ertragswertverfahren ermittelt den Wert einer Immobilie oder eines Unternehmens anhand seiner zukünftigen Erträge – ideal für Renditeobjekte und Investitionsentscheidungen.

6 min Lesezeit
Was ist das Ertragswertverfahren?

Das Ertragswertverfahren ist eines der wichtigsten Verfahren, um den Wert einer Immobilie oder eines Unternehmens zu bestimmen. Statt auf den reinen Sachwert zu schauen, fragt dieses Verfahren: Was kann das Objekt in Zukunft erwirtschaften? Es spielt vor allem bei vermieteten Wohn- und Gewerbeimmobilien sowie bei Unternehmensbewertungen eine zentrale Rolle. In diesem Ratgeber wird Schritt für Schritt erklärt, wie das Verfahren funktioniert, wann es angewendet wird und welche Faktoren den errechneten Ertragswert beeinflussen.

Grundidee des Ertragswertverfahrens

Beim Ertragswertverfahren steht nicht der Bauzustand oder die Lage im Mittelpunkt, sondern die Frage, welchen Ertrag ein Objekt über seine Nutzungsdauer hinweg erzielen kann. Der Wert ergibt sich aus der Kapitalisierung der zukünftigen Überschüsse – also der Differenz aus Einnahmen und Ausgaben. Diese Überschüsse werden auf einen heutigen Wert (Barwert) heruntergerechnet, weil Geld in der Zukunft weniger wert ist als heute.

Der Ertragswert ist damit ein rechnerischer Wert, der angibt, wie viel ein Investor bereit wäre zu zahlen, um die erwarteten Erträge zu erhalten. Er wird häufig als Grundlage für den Verkehrswert (Marktwert) einer Immobilie oder eines Unternehmens herangezogen. Wichtig ist, dass nicht nur die aktuellen Mieten oder Gewinne zählen, sondern marktübliche Erträge und eine realistische Nutzungsdauer.

  • Der Wert basiert auf zukünftigen Erträgen, nicht auf dem reinen Sachwert.
  • Es werden Einnahmen und Ausgaben über die Nutzungsdauer betrachtet.
  • Die zukünftigen Überschüsse werden auf einen heutigen Barwert heruntergerechnet.
  • Der Ertragswert dient als Grundlage für Verkehrswert oder Beleihungswert.
  • Es werden marktübliche, nicht nur aktuelle Erträge herangezogen.

Rechtliche Grundlagen in Deutschland

In Deutschland ist das Ertragswertverfahren gesetzlich verankert und gehört zu den anerkannten Methoden zur Wertermittlung. Für Immobilien regeln das Bewertungsgesetz und die Immobilienwertermittlungsverordnung (ImmoWertV), wie der Verkehrswert ermittelt werden muss. Das Ertragswertverfahren ist dort als eines der drei zulässigen Verfahren ausdrücklich vorgesehen.

Für Unternehmensbewertungen spielt das Ertragswertverfahren ebenfalls eine wichtige Rolle. Hier greifen zusätzliche Fachstandards, etwa des Instituts der Wirtschaftsprüfer, die die Anwendung des Verfahrens für steuerliche und betriebswirtschaftliche Zwecke regeln. Dadurch entsteht eine einheitliche Basis, auf die sich Gutachter, Banken und Behörden stützen können.

  • Das Verfahren ist im Bewertungsgesetz und in der ImmoWertV verankert.
  • Es gehört zu den drei zulässigen Verfahren zur Immobilienbewertung.
  • Für Unternehmen gelten zusätzliche Fachstandards (z.B. IDW S1).
  • Die Vorschriften sorgen für eine einheitliche und nachvollziehbare Bewertung.
  • Ertragswertgutachten werden von Finanzämtern und Banken anerkannt.

Anwendungsbereiche: Immobilien und Unternehmen

Das Ertragswertverfahren wird vor allem bei Renditeobjekten eingesetzt, also bei Objekten, deren Wert primär aus den erzielbaren Erträgen resultiert. Typische Beispiele sind vermietete Mehrfamilienhäuser, Bürogebäude, Einkaufszentren oder landwirtschaftlich genutzte Flächen. Auch bei der Bewertung von Unternehmen, die nicht nur aus Sachwerten, sondern aus ihrer Ertragskraft bestehen, kommt das Verfahren zum Einsatz.

Für Privatimmobilien ohne Mieteinnahmen, etwa Eigenheime, spielt das Ertragswertverfahren dagegen eine untergeordnete Rolle. Hier stehen eher das Sachwert- und das Vergleichswertverfahren im Vordergrund. Das Ertragswertverfahren lohnt sich also, wenn klar ist, dass die Immobilie oder das Unternehmen in erster Linie als Kapitalanlage oder Geschäftsbetrieb genutzt wird.

  • Vermietete Wohn- und Gewerbeimmobilien.
  • Büro- und Einzelhandelsobjekte.
  • Landwirtschaftliche Flächen und Pachtobjekte.
  • Unternehmen mit klarer Ertragskraft.
  • Kapitalanlagen, bei denen Rendite im Vordergrund steht.

Schlüsselbegriffe: Rohertrag, Reinertrag, Bodenwert

Um das Ertragswertverfahren zu verstehen, sind einige Begriffe zentral. Der Rohertrag ist der jährliche Bruttoertrag, also die Summe aller Mieten oder Pachten vor Abzug von Kosten. Daraus werden die Bewirtschaftungskosten (z.B. Verwaltung, Instandhaltung, Hausgeld) abgezogen, um den Reinertrag zu erhalten. Der Reinertrag ist derjenige Überschuss, der tatsächlich zur Kapitalisierung herangezogen wird.

Beim Immobilienwert spielt der Bodenwert eine besondere Rolle. Grund und Boden gelten als nicht abnutzbar, während Gebäude im Laufe der Zeit an Wert verlieren. Daher wird der Bodenwert separat ermittelt, meist anhand von Bodenrichtwerten, und mit dem Gebäudeertragswert addiert. Der Bodenwert wird in der Regel mit einem sogenannten Liegenschaftszins verzinst, der die marktübliche Verzinsung für Grundstücke widerspiegelt.

  • Rohertrag: jährliche Bruttoeinnahmen aus Miete oder Pacht.
  • Reinertrag: Rohertrag minus Bewirtschaftungskosten.
  • Bodenwert: Wert des Grundstücks ohne Gebäude, oft anhand von Bodenrichtwerten.
  • Gebäudeertragswert: Wert der baulichen Anlagen auf Basis der Erträge.
  • Liegenschaftszins: marktübliche Verzinsung des Bodenwerts.

Allgemeines vs. vereinfachtes Ertragswertverfahren

In der Praxis unterscheidet man zwischen dem allgemeinen und dem vereinfachten Ertragswertverfahren. Das allgemeine Verfahren arbeitet mit detaillierten Annahmen zu Erträgen, Kosten, Restnutzungsdauer und Zinsen. Es wird vor allem in Gutachten und für komplexe Objekte verwendet. Das vereinfachte Verfahren nutzt standardisierte Annahmen und ist schneller durchzuführen, eignet sich aber eher für erste Schätzungen.

Beim vereinfachten Verfahren wird häufig mit einem Vervielfältiger (Rentenbarwertfaktor) gearbeitet, der sich aus der erwarteten Rendite und der Restnutzungsdauer ergibt. Der Ertragswert berechnet sich dann grob als Jahresreinertrag multipliziert mit diesem Vervielfältiger. Das allgemeine Verfahren berücksichtigt zusätzlich Faktoren wie Bodenverzinsung, Wertminderungen und spezifische Risiken.

  • Allgemeines Verfahren: detaillierte, individuelle Annahmen.
  • Vereinfachtes Verfahren: standardisierte Annahmen und Vervielfältiger.
  • Allgemeines Verfahren für Gutachten und komplexe Objekte.
  • Vereinfachtes Verfahren für erste Schätzungen und Überschläge.
  • Beide Verfahren führen zum Ertragswert, aber mit unterschiedlichem Detailgrad.

Beispielrechnung für eine vermietete Immobilie

Ein Beispiel macht die Berechnung anschaulich. Angenommen, es handelt sich um ein Mehrfamilienhaus mit 550 Quadratmetern Grundstücksfläche und einem Bodenrichtwert von 110 Euro pro Quadratmeter. Der jährliche Rohertrag aus Mieteinnahmen beträgt 28.000 Euro, die Bewirtschaftungskosten liegen bei 4.000 Euro pro Jahr. Die Restnutzungsdauer des Gebäudes wird mit 25 Jahren angenommen.

Zunächst ergibt sich ein Bodenwert von 60.500 Euro (550 qm × 110 Euro). Der Reinertrag des Grundstücks beträgt 24.000 Euro (28.000 Euro Rohertrag minus 4.000 Euro Bewirtschaftungskosten). Davon wird die Bodenwertverzinsung abgezogen, etwa 3.000 Euro, sodass ein Gebäudereinertrag von 21.000 Euro verbleibt. Multipliziert mit einem Vervielfältiger von 14 ergibt sich ein Gebäudeertragswert von 294.000 Euro. Addiert man Bodenwert und Gebäudeertragswert, erhält man den Ertragswert der Immobilie.

  • Bodenwert: 550 qm × 110 Euro = 60.500 Euro.
  • Rohertrag: 28.000 Euro pro Jahr.
  • Bewirtschaftungskosten: 4.000 Euro pro Jahr.
  • Reinertrag: 24.000 Euro pro Jahr.
  • Bodenwertverzinsung: 3.000 Euro pro Jahr.
  • Gebäudereinertrag: 21.000 Euro pro Jahr.

Einflussfaktoren auf den Ertragswert

Der errechnete Ertragswert ist kein starres Ergebnis, sondern hängt von mehreren Annahmen ab. Dazu gehören die Höhe der zukünftigen Erträge, die Bewirtschaftungskosten, die Restnutzungsdauer des Gebäudes, der Liegenschaftszins und die gewählte Renditeerwartung. Ändert sich eine dieser Größen, verändert sich auch der Ertragswert.

Weitere Faktoren sind die Lagequalität, die Mieterstruktur, der Leerstand, der energetische Zustand und eventuelle Schäden am Gebäude. Ein modernes, gut vermietetes Objekt in zentraler Lage erzielt in der Regel einen höheren Ertragswert als ein veraltetes Gebäude mit hohem Leerstand. Auch rechtliche Rahmenbedingungen wie Mietrecht oder Bauvorschriften können den Wert beeinflussen.

  • Höhe und Stabilität der zukünftigen Erträge.
  • Bewirtschaftungskosten und Instandhaltungsaufwand.
  • Restnutzungsdauer und Zustand des Gebäudes.
  • Liegenschaftszins und marktübliche Renditeerwartung.
  • Lagequalität, Mieterstruktur und Leerstand.
  • Energetischer Zustand und eventuelle Schäden.

Vorteile und Grenzen des Verfahrens

Das Ertragswertverfahren bietet den Vorteil, dass es die wirtschaftliche Nutzung eines Objekts direkt abbildet. Es ist besonders aussagekräftig für Investoren, die an der Rendite interessiert sind. Da marktübliche Erträge zugrunde gelegt werden, ist das Ergebnis vergleichbar und nachvollziehbar. Zudem wird der Wert über die gesamte Nutzungsdauer betrachtet, nicht nur auf Basis eines einzelnen Jahres.

Gleichzeitig hat das Verfahren Grenzen. Die Zukunft lässt sich nicht exakt vorhersagen, daher hängt der Wert stark von den getroffenen Annahmen ab. Unvorhergesehene Entwicklungen wie Mietausfälle, steigende Kosten oder gesetzliche Änderungen können den tatsächlichen Wert vom errechneten Ertragswert abweichen lassen. Deshalb wird das Verfahren oft ergänzt durch andere Bewertungsansätze oder durch Szenarienrechnungen.

  • Abbildung der wirtschaftlichen Nutzung und Rendite.
  • Vergleichbarkeit durch marktübliche Erträge.
  • Betrachtung über die gesamte Nutzungsdauer.
  • Starke Abhängigkeit von Annahmen und Prognosen.
  • Unsicherheit durch zukünftige Entwicklungen.
  • Sinnvolle Ergänzung durch weitere Verfahren oder Szenarien.

Fazit

Das Ertragswertverfahren ist ein etabliertes Instrument, um den Wert von Immobilien und Unternehmen anhand ihrer zukünftigen Erträge zu bestimmen. Es ist besonders für Renditeobjekte geeignet und wird in Deutschland durch Gesetze und Verordnungen geregelt. Wer eine vermietete Immobilie bewerten oder ein Unternehmen verkaufen möchte, sollte die Funktionsweise des Verfahrens verstehen, um die Ergebnisse kritisch zu prüfen und fundierte Entscheidungen zu treffen. Letztlich liefert der Ertragswert eine wichtige Orientierung – ergänzt durch weitere Informationen und eine realistische Einschätzung der Zukunftsentwicklungen.

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