Deutschland könnte nach Einschätzung führender Bauforschungsinstitute ein Drittel mehr Wohnungen errichten, jedoch verhindern dies die bestehenden, überbordenden Normen. Die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen (ARGE) aus Schleswig-Holstein und das Institut für Bauforschung (IFB) aus Niedersachsen stellten in Berlin Ergebnisse hierzu vor, die einen „Normen-Notruf“ signalisieren. Die Institute führen an, dass eine Reduktion und substantielle Verbesserung der Baunormen die Gesamtkosten im Neubau um circa 1.000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche senken könnte. Dies würde den Bau von signifikant mehr Wohnungen ermöglichen.
Prof. Dietmar Walberg, Leiter der ARGE, und IFB-Direktorin Heike Böhmer äußerten sich kritisch zur aktuellen Lage. Sie konstatierten, die Situation sei eskaliert und der Frust in der Bauwirtschaft enorm, da die Fülle an Vorschriften kaum noch überschaubar sei. Um mehr Wohnraum zu schaffen, sei eine dringende „Abrüstung“ der Normen erforderlich, um diese wieder ihrem ursprünglichen Zweck, der Kostensenkung, zuzuführen. Die Bauforscher fordern eine schnelle und besonnene Radikalkur im Bereich der Baunormen.
Normen als Preistreiber im Wohnungsbau
Die fortlaufende Entwicklung neuer, komplexerer und schärferer Normen in Deutschland hemmt laut den Forschungsinstituten den Einsatz einfacher und kostengünstiger Baulösungen. Bund und Länder verankern diese Normen zusätzlich durch rechtliche Bestimmungen, was sie verbindlich macht. Prof. Dietmar Walberg betonte, dass der Neubau von Wohnungen dadurch kontinuierlich teurer werde. Seit dem Jahr 2000 sei eine Kostenexplosion von rund 245 Prozent im bundesweiten Wohnungsneubau zu verzeichnen. Davon seien 20 Prozent des Kostenanstiegs direkt auf die ständige Verschärfung der Normenstandards zurückzuführen. Konkret bedeute dies, dass Normen in den letzten 25 Jahren die Gesamtkosten im Neubau um etwa 600 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche erhöht hätten, was zu einer Reduktion der Bautätigkeit führe. Walberg sprach in diesem Zusammenhang von einer „katastrophalen Schockstarre“ im Wohnungsbau, verursacht durch Überregulierung.
Ein prägnantes Fallbeispiel für die Normenproblematik ist der Schallschutz. Heike Böhmer erläuterte, dass seit 2015 der Arbeitsaufwand und die Kosten für die Schallschutznormierung sich verdreifacht hätten. Ein aufwendiger rechnerischer Nachweis für jeden einzelnen Raum sei notwendig, was ohne spezifische Bauphysik-Software kaum leistbar sei. Als Beispiel wurde ein Wohnhaus in Wesel genannt, bei dem der geforderte Schallschutz für Balkone durch minimale Überschreitungen des Orientierungswertes die Verglasung aller Balkone zur Folge gehabt hätte, wodurch der Bau der Balkone letztlich unterblieb, da diese unbezahlbar geworden wären.
Komplexität und Bauschäden
Die Bauforscher warnen davor, dass die Gebäudequalität durch immer komplexere Normen nicht steige, sondern im Gegenteil die Anzahl und Kosten von Bauschäden zugenommen hätten. Heike Böhmer kritisierte die Praxis, einzelne Normen „am grünen Tisch wie Stellschrauben nach oben zu drehen“, ohne die Auswirkungen auf das Gesamtgebäude zu berücksichtigen. Die Energieeffizienz wurde als Paradebeispiel genannt, wo maximale theoretische Anforderungen an Fenster, Wärmedämmung und Heizungstechnik zu überdämmten, luftdichten Häusern mit wartungsintensiver Lüftung und komplexer, reparaturanfälliger Technik führten. Dies resultiere in überhöhten Kosten, Baumängeln und Risiken, beispielsweise für Feuchtigkeitsschäden. Nahezu zwei Drittel der von Versicherungen regulierten Bauschäden, insbesondere Feuchtigkeitsschäden, sind laut IFB auf die zunehmende Komplexität zurückzuführen. Der durchschnittliche Aufwand pro Schadensfall hat sich von 2013 bis 2024 beinahe verdoppelt und liegt bei fast 14.000 Euro pro reguliertem Fall. Die stetige Erhöhung technischer Standards für den Wohnungsbau führe dazu, dass weniger gebaut werde, eine Erkenntnis, die nach Ansicht der Experten in der Politik noch nicht vollständig rezipiert wurde.




