Europa weist ein strukturelles Defizit in der Eigenproduktion von Proteinen für die Versorgung von Mensch und Tier auf. Der Großteil des Bedarfs wird derzeit über Importe, primär Soja, gedeckt. Die Europäische Union erzeugt lediglich acht Prozent ihres Sojabedarfs selbst. Vor diesem Hintergrund entwickelt das Biotech-Unternehmen MicroHarvest aus Hamburg eine industrielle Produktionsanlage im Chemiepark Leuna. Diese Anlage ist darauf ausgelegt, hochwertiges Protein mittels Biomassefermentation im großindustriellen Maßstab zu erzeugen. Die Fertigstellung und der Produktionsstart sind für die erste Jahreshälfte 2028 geplant.
Das Bauvorhaben umfasst eine Bruttogrundfläche von etwa 5.800 Quadratmetern. Die konzeptionelle Jahresproduktion ist auf 15.000 Tonnen Protein ausgelegt, welches aus regionalen Agrar-Nebenströmen gewonnen werden soll. MicroHarvest tätigt hierfür eine Investition im mittleren zweistelligen Millionenbereich und plant die Schaffung von rund 25 neuen Arbeitsplätzen am Standort Leuna. Die Projektbegleitung in der Planungsphase, einschließlich des Projektmanagements und der Generalplanung, obliegt dem Beratungsunternehmen Drees & Sommer SE, das auf Bau, Immobilien und Infrastruktur spezialisiert ist.
Technologische Basis und strategische Bedeutung
Die Proteinproduktion basiert auf der Fermentation von Mikroorganismen, welche Agrar-Nebenströme wie Melasse als Nährstoffquelle nutzen. Melasse fällt in der Region Leuna in signifikanter Menge als Nebenprodukt der Zuckerproduktion an. Dieser Prozess ermöglicht die Umwandlung der Biomasse in hochwertiges Eiweißpulver binnen 24 Stunden. Laut Jonathan Roberz, Mitgründer und COO von MicroHarvest, bietet die Realisierung dieses Projekts in Leuna die Möglichkeit, die Abhängigkeit von internationalen Proteinlieferketten zu reduzieren und die regionale Resilienz zu stärken. Eine Pilotanlage in Lissabon, die im November 2023 den Betrieb aufnahm und zunächst 25 Kilogramm Einzeller-Protein pro Tag produzierte, diente der Verifizierung der Skalierbarkeit des Prozesses. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse fließen nun in die Entwurfsplanung der Großanlage in Leuna ein, die als erste ihrer Art in Europa gilt.
Die Fachleute von Drees & Sommer haben durch eine Machbarkeitsstudie die technische und wirtschaftliche Umsetzbarkeit des Projekts validiert. Diese Analyse umfasste behördliche Auflagen sowie potenzielle Risiken. Auf dieser Grundlage wurden diverse Planungsvarianten hinsichtlich ihrer Wirtschaftlichkeit und Optimierungspotenziale bewertet. Manuel Paulick, Projektleiter bei Drees & Sommer, erläutert die Komplexität der Planungsaufgaben, die Bereiche für Rohmaterialannahme, Lagerhaltung, Trocknung, Abfüllung und Verpackung sowie unterstützende Fermentationssysteme, Labore, Büros und die Technische Gebäudeausstattung umfassen. Es ist vorgesehen, die Anlage zunächst gemäß GMP+ Standards für den Futtermittelbereich auszulegen und eine spätere Erweiterung auf Lebensmittelstandards zu ermöglichen.
Phasen der Planung und Marktausrichtung
Das Projektteam von Drees & Sommer verantwortet aktuell die Vor- und Entwurfsplanung für das Gebäude sowie Teile des Fermentationsprozesses. Steffen Butz, leitender Prozessingenieur bei Drees & Sommer, betont die Notwendigkeit einer präzisen Koordination zahlreicher Fachdisziplinen, Lieferanten und Entscheidungsprozesse. Die Bündelung der Planungs-, Beratungs- und Steuerungsaufgaben bei Drees & Sommer soll eine kohärente Umsetzung gewährleisten und die Kostenkontrolle sicherstellen.
- —Rohproteingehalt von über 60 Prozent, über den einer Hühnerbrust
- —Enthält Aminosäuren, Vitamine und Mineralien
- —Wetterunabhängige Produktion an 365 Tagen im Jahr
- —Keine gentechnische Veränderung der Mikroorganismen
MicroHarvest beabsichtigt, das produzierte Protein anfänglich im Tierfutterbereich zu vermarkten, mit einem Fokus auf Pet Food und Aquakultur. Produkte wie Hundesnacks, entwickelt in Kooperation mit Vegdog und The Pack, sind bereits verfügbar. Nach Erhalt der Zulassung durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) im Rahmen des Novel-Food-Verfahrens soll das Protein auch für den menschlichen Verzehr zugänglich gemacht werden, beispielsweise als Zutat in Proteinriegeln oder anderen Lebensmitteln.




